Wie wirkt Yin Yoga?

Durch Entspannung zu neuer Kraft

tl_files/devananda/bilder-bei-texte/4218222_s.jpgWenn wir eine Yin-Yoga-Stellung in der Yin-typischen Art und Weise einnehmen – also entspannt, ruhig und lange -  kann der Energiefluss harmonisiert werden. Durch die haltungsbedingte Dehnung und Druck verändert sich der Fluss des Qi oder Prana in den Energiebahnen des Körpers und der Organe, die eng mit dem Bindegewebe verbunden sind. Dabei wird der Energiefluss vorübergehend angestaut, um dann durch den reflektorisch intensivierten Fluss die Energiebahnen zu reinigen – die Energie kann wieder frei fließen.

Sicherlich hast du schon einmal gesehen, was sich an Verunreinigungen und Verkrustungen löst, wenn du eine zugedrehte Hauswasserleitung wieder öffnest und durch den Wasserdruck braunes, verschmutztes Wasser herausgeschwemmt wird. So verhält es sich, vereinfacht ausgedrückt, auch bei uns. Nach einer Yin-Yoga-Stunde sind unsere „Leitungen durchgespült“, wir haben wieder mehr Energie, fühlen uns wohler und sind in Harmonie mit uns und der Umwelt.

Bei regelmäßiger Praxis können emotionale und körperliche Blockaden aufgelöst, Beschwerden gelindert und Erkrankungen günstig beeinflusst werden.

Ruhe, Stärke und Energie gewinnen

Wenn wir Yin Yoga regelmäßig praktizieren, zeigt sich mit der Zeit ganz von allein ein natürliches Bedürfnis, regelmäßig zur Ruhe zu kommen, zu meditieren und abzuschalten. Das lernen wir beim Üben kennen, wenn wir zwei Minuten und länger in einer Position verweilen.

Balsam für die Nerven

Die sanfte Art des Übens wirkt ausgleichend im Stress, weil sie den Parasympathikus aktiviert, den Teil unseres Nervensystems, der für Ruhe, Regeneration und Tiefenentspannung zuständig ist. Der oft überaktive Sympathikus, der mit Kampf-, Flucht- und Stressreaktionen verbunden ist, wird hingegen endlich einmal wohltuend besänftigt.

Das Hormon Oxytocin, Endorphine sowie natürliche Opiate wie Morphin und Codein werden während des Übens und danach freigesetzt – sie sind gegen Ängste, Druck, Stress, Depressionen und sogar gegen Schmerzen wirksam.

Unser Gehirn arbeitet während des Übens im Ruhemodus, und Hirnregionen, die Entspannung und Gelassenheit begünstigen, werden aktiviert und dauerhaft gestärkt. Durch die Entspannung können negative alte Gedankenmuster neutralisiert werden: ein wunderbarer Ausstieg aus der berüchtigten Grübelfalle.

Die Wirkung hält auch nach dem Üben an, da wir durch das lange Verweilen in den Haltungen lernen, Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen zu entwickeln – und dabei kommt es im Gehirn und Nervensystem zu nachhaltigen positiven Veränderungen.

Stresshormone verringern

Die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Kortisol und Noradrenalin wird reduziert und somit auch deren negative Auswirkungen auf Körper und Geist. Dies allein kann zu einer Regulation und Heilung der Köperfunktionen führen. Schmerzen lassen nach, tiefer erholsamer Schlaf setzt ein. Herz, Blutdruck und Blutbild profitieren. Libido, Potenz, Verdauung und Zyklus funktionieren auf einmal wieder. Selbst unser Körpergewicht und Bauchfett normalisiert sich. Die Gefühlswelt wird positiver, klarer, heller, schöner. Die Gehirnfunktionen und psychische Symptome verbessern sich. Und all das kann geschehen, weil durch das sanfte, regelmäßige Üben die Auswirkungen des allgegenwärtigen Stresses auf unser System ausbalanciert wird.

Gewebe, Faszien und Gefühle

Yin Yoga wirkt intensiv auf das Bindegewebe, auf Faszien, Bänder und Sehnen. Bänder verbinden Knochen mit Knochen, Sehnen verbinden Muskeln mit Muskeln und mit den Gelenken, Faszien umhüllen alles. Die Übungen unterstützen die Gelenke und bringen Beweglichkeit in Körperareale, die als scheinbar nicht formbar wahrgenommen werden – wie Hüften, Becken und der untere Rücken.

Um die Wirkung von Yin Yoga zu erklären, ist es sinnvoll, zuerst beim Yang Yoga anzusetzen. Dieser ist – vereinfacht ausgedrückt – aktiv, bewegt und kraftvoll. Das große Repertoire umfasst Hunderte von Haltungen im Stehen, Sitzen und Liegen, Gleichgewichts- und Balancepositionen. Sie erfordern Kraft, Koordination, Gleichgewicht, Konzentration und Ausdauer. Yang Yogastile (wie Vinyasa, Power, Anusara, Bikram, Ashtanga) fördern damit vor allem Yang-Gewebe: Das sind Gewebe wie Muskeln, die - im Vergleich zu Yin-Geweben – mehr Flüssigkeit enthalten, gut durchblutet, weicher und elastischer sind.

Yin Yoga hingegen ist möglichst passiv und wird sehr achtsam und sanft ausgeführt. Wir konzentrieren uns dabei auf die Stärkung, Nährung und Dehnung des Bindegewebes, stabilisieren und schmieren dadurch die Gelenke und halten sie länger geschmeidig. Yin-Gewebe – also Bindegewebe (wie Faszien, Sehnen, Bänder) und Knochen – sind geringer durchblutet, trockener, härter und unbeweglicher als Yang-Gewebe.

Yin-Gewebe sprechen am besten auf langsame, beständige und gleichmäßige Beanspruchung an – wie bei einer Zahnspange: langer, stetiger Zug und Druck führen zur Formveränderung. Dabei geht es um eine vollkommen andere Dehnungsqualität, als es bei einer Yang-lastigen Muskeldehnung oder Kräftigung der Fall ist.

Die Faszien sind bindegewebige Strukturen, überall im Körper vorhanden – und wurden dennoch lange Zeit von der Wissenschaft missachtet, gar als nutzlos betrachtet.

Neuere Forschungen zeigen die umfassende Bedeutung und den unschätzbaren Wert dieses Gewebesystems für nahezu alle Abläufe im Körper. Damit ist das jahrtausendalte Erfahrungswissen alter Kulturen auch wissenschaftlich bestätigt.

Das feingliedrige Netzwerk der Faszien durchzieht den gesamten Körper. Es erhält die strukturelle Integrität, die Form: Das Gewebesystem sorgt durch seine verbindende, umhüllende und schützende Funktion dafür, dass die einzelnen Teile des Körpers zu einem Ganzen zusammengefügt sind und bleiben. Es ist ein kommunikatives, interaktives, intelligentes Organsystem – das größte des Körpers. Faszien fungieren als elastische Stoßdämpfer, helfen beim Blutfluß und bei biochemischen Prozessen. Eine entscheidende Funktion nehmen sie auch bei der Abwehr gegen Krankheitserreger und Infektionen, sowie bei der Regeneration des Gewebes ein. Mittlerweile wird angenommen, dass die Hyaluronsäure in unserem Fasziengewebe als Substanz und Träger der Meridiane, der innerkörperlichen Energiebahnen, fungieren.

Besorgte Lunge, zornige Leber, grübelnde Milz

In der Körpertherapie wird schon lange der Zusammenhang zwischen Gefühlen und Körpergeweben gesehen. Letztere speichern Emotionen, Traumen und andere Gefühle und Erlebnisse, ebenso wie unser Gehirn und jede andere Zelle des Körpers das tun. Die TCM ordnet speziell den Organen unter anderem bestimmte Gefühle zu – entsprechend ihrem Verständnis von körperlichen Zusammenhängen und Organsystemen: Zum Herzen gehören Gefühle wie Freude, Lust und Lachen; bei Magen und Milz sind es das Sich-Sorgen-Machen und Grübeln; Lunge und Dickdarm ordnet man Gefühle wie Trauer, Melancholie und Besorgnis zu; Niere und Blase werden Furcht, Unsicherheit, Stress, Angst und Schock zugewiesen; und Leber und Gallenblase ordnet man Wut, Zorn und Ärger zu.

Meridiane und Gefühle

Die Organe werden durch spezielle Energieleitbahnen versorgt, die wir durch Übungen gezielt ansprechen können. Indem wir den Qi-Fluss in den Meridianen harmonisieren, kultivieren wir also auch unsere geistigen Eigenschaften. So können wir über den Nierenmeridian Angst besänftigen, Sanftmut und Güte verstärken und kommen auf diese Weise mit unserer wahren, grundgütigen Essenz in Berührung. Über den Lebermeridian können wir Freundlichkeit entwickeln und über den Gallenblasenmeridian Mut und Entschlossenheit stärken. Unser Magenmeridian vermittelt Wohlwollen und Mitgefühl, der Milzmeridian eröffnet unser kreatives Potenzial.

In der Yin Yoga Praxis sprechen wir also die Meridiane an und kommen dadurch in Kontakt mit den im Gewebe gespeicherten Informationen und den mit den Organsystemen korrespondierenden Emotionen. Dies ermöglicht eine Innenschau und bewusste Arbeit an sich selbst, die bei einem eher dynamischen, aktiven Üben mit kurzen Haltezeiten nicht so gut möglich ist.

Im Yin Yoga ist der Weg das Ziel, und Achtsamkeit ist der Führer. Versuche, ohne Erwartungen zu üben, mit kindlicher Freude und Hingabe. Lausche auf deinen Körper, der durch Empfindungen mit dir spricht – und richte dein Üben danach aus.

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